Reisebericht 2026
Von Johann Graf
Belem, 22. April 2026
Die letzten beiden Tage waren wir mit Wäschewaschen und Erholung beschäftigt. Gestern war hier Nationalfeiertag, der dem Nationalhelden Tiradentes gewidmet ist. Er kämpfte für die Unabhängigkeit Brasiliens vom Königtum Portugals und gegen die Sklaverei, und wurde dafür 1792 gehängt. Deshalb hatten außer dem großen Einkaufszentrum alles geschlossen und wir bekamen nachmittags nirgends einen Cafe.
Heute waren wir im Büro der CIMI, der sogenannten Indigenenmission der katholischen Kirche. In der Vergangenheit hat die katholische Kirche auch auf übelste Weise bei Indigenen missioniert. Das ist zumindest seit dem Ende der Miltärdiktatur nicht mehr so. Die CIMI respektiert die indigenen Kulturen und unterstützt indigene Gemeinschaften in vieler Hinsicht , insbesondere bei den vielen Landkonflikten. Sie sind bestens mit den gesetzlichen Gegebenheiten vertraut und arbeiten mit diversen Menschenrechtsorganisationen zusammen.Paulo, Claudia-Lucy und Ahrodu gaben uns einen Überblick über die Arbeit der acht regionalen Betreungsgruppen, die für die Bundesstaaten Para und Amapa zuständig sind. Unter anderem erstellen sie einen jährlichen Bericht über alle Menschenrechtsverletzungen und gewalttätigen Übergriffe auf Indigene in Brasilien. Sie erhalten keinerlei staatliche Mittel und wurden in der Vergangenheit vor allem von Misereor, Adveniat und Caritas finanziert, wobei Misereor aus der Finanzierung ausgestiegen ist und insgesammt die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel drastisch abgenommen haben. Sie können deshalb vielen Anfragen auf Unterstützhung von indigenen Gemeinschaft nicht mehr nachkommen. Wir haben veeinbart, dass sie POEMA ein Projekt vorschlagen werden, so dass wir zukünfig auch mit der CIMI zusammenarbeiten werden
Santa Teresa, 19. April 2026
Die Nacht in Kyraruyrenda verlief ruhig, nur dass diese kleinen Blutsauger sich auch von den Moskitnetzen nicht abhalten lassen und uns übel zugerichtet haben. Am Vormittag gibt es eine kleine Versammlung. Itahu berichtet von den aktuellen Konflikten. Goldgräber und Holzräuber sind akutell das kleinere Problem. Es gibt Pläne innerhalb des Gebiets der Kaapor eine Mine zum Abbau verschiedener Mineralien, die hier vorkommen sollen, zu errichten. Beteiligt ist unter anderem Vale, das größte Bergbauunternehmen Brasiliens. Das ist alles noch in einem sehr frühen Planungsstadium, für die Kaapor aber sehr bedrohlich. Das andere sehr aktuelle Thema ist der Handel mit CO2-Zertifikaten. Eine amerikanische Firma will das bei den Kaapor realisieren. Der größte Teil der Kaapor lehnt das kategorisch ab. Es gibt aber ein Gruppe, die Interesse an diesem Deal hat. Es besteht die Gefahr einer Spaltung mit entsprechend negativen Auswirkungen. Sie haben große Sorgen was den Erhalt ihrer Kultur betrifft, die im bisherigen Kontakt mit der weißen Welt schon sehr gelitten hat. Wir verlassen das Dorf am frühen Vormittag, weil wir noch ein weiters besuchen müssen.
Es wurde erst jetzt als neues "Wehrdorf" gegründet. Wir treffen die drei Familien, die dort jetzt wohnen, an der Reservatsgrenze. Auch sie erhalten Lebensmittel, die wir zuvor in Novo Olinda gekauft haben. wir können sie nicht in ihr Dorf begleiten, weil es dort für uns keine regensicher Übernachtungsmöglichkeit gibt. Außerdem wäre es ein Fußmarsch von über sechs Kilmeter.
So übernachten wir wieder in Santa Teresa bei den La Salles. Heute morgen brechen wir für einen kurzen Besuch ins Dorf von Itahu, Murutuyrenda, auf um auch dort Lebensmittel vorbeizubringen. Auf dem Weg dorthin kommen wir auch durch den Ort Centro do Guilherme. Itahu erzählt, dass er hier schon mehrmals bedroht wurde und sich hier nicht alleine aufhalten soll. Itahu wird morgen nach Belem fahren, das Auto zurückbringen und dann zu einer Anhörung mit dem Anwalt der Kaapor nach Brasilia reisen. Wir werden ihn am kommenden Samstag noch einmal in Belem treffen und er wird uns darüber berichten.
Wir verlassen heute das Gebiet der Kaapor, werden aber auch erst am Montag in Belem ankommen, weil wir hier in Santa Teresa erst nachmittags aufbrechen können.
Kyraruyrenda, 17. April 2026
Wir werden die nächsten Tage mit einem geländegängigem Wagen unterwegs sein, den Itahu gemietet hat. Mit einem normalen PKW sind die meisten Dörfer der Kaapor nicht erreichbar. Ursprünglich wollten die Kaapor gestern Vormittag die Bundesstraße BR010 blockieren, um auf ihre mangelhafte Gesundheitsversorgung und die Probleme im schulischen Bereich, sowie die Bedrohung ihres Gebietes Holzräuber, Goldsucher und Bergbaubetriebe aufmerksam zu machen. Deshalb hatten sie etliche Kaapor aus verschiedenen Dörfern mit dem geliehenen Wagen zusammengeholt. Leider fiehl diese Aktion im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Es regnete den ganzen Vormittag so stark, dass eine Blockade nicht möglich war. Wir starteten mit einem größeren Einkauf von Lebensmitteln, weil die neuen Dörfer an der Reservatsgrenze sich noch nicht selber versorgen können. Sie wurden in den letzten Jahren neu gegründet um das Reservat besser vor unerwünschten Eindringlingen zu schützen. Tatsächlich fanden dort wo diese "areas de protecao" gegründet wurden keine illegalen Eintritte mehr statt. Zuerst besuchten wir Patuayrenda, ein Ort wo nur zwei Familien leben. Dort gibt es Probleme mit der Wasserverorgung, die Solarpumpe ist defekt und muss repariert werden.
Zwischen den meisten dieser Dörfer an der Reservatsgrenze gibt es keine Querverbindung, obwohl sie oft nur etliche Kilometer entfernt sind. So muss man jedesmal über Pisten zur Bundesstraße zurück, um erneut kilometerweit in Richtung Reservatsgrenzen und dem dort beginnenden Regenwald zu fahren. Insbesondere jetzt in der Regenzeit eine gewisse Herausforderung, aber Itahu ist ein sehr guter und besonnener Fahrer. Nachmittags erreichen wir Kyraruyrenda, das Dorf von Janejashi, der auch Mitglied des tuxa ta pame, des Rates der Kaapo ist. Wir waren hier auch schon vor drei Jahren als das Dorf gerade neu errichtet wurde. Hier wohnen fünf Familien, etwa 15 Erwachsene und rund 20 Kinder. Es gibt eine Schule für die jüngeren Kinder mit einem Kaapor-Lehrer. Die Ausstattung der Schule ist sehr bescheiden. Der Brunnen, den POEMA finanziert hat funktioniert, im ersten Anlauf musste die Bohrung wegen eines Felsens im Untergrund abgebrochen werden. Auf ihrem Feld bauen sie vor allem Manjok, Mais, aber auch Ananas, Papaja, Bananen, Avocados, Orangen und Kokos an.
In bescheidenem Umfang haben sie über ein Solarpanel auch Licht und über ein Funkgerät auch Kontakt in die Welt. Die Häuser sind stabil und vor allem regensicher. Wir werden freundlich begrüßt, leider auch ganz heftig von kleinsten Blutsaugern, die uns massiv attackieren.
Santa Teresa, 16. April 2026
Padre Paulinho war pünktlich um 7 Uhr an unserem Hotel. Er hat viele Jahre bei der Landpastoralen gearbeitet, und dort bei Landkonflikten Kleinbauern und Indigene unterstützt. Er ist überzeugter Vertreter der Befreiungstheologie und hat uns schon einige Male zu den Kaapor begleitet. Jose, eigentlich unsere Kontaktperson zu den Kaapor kommt nicht mit, er muss sich um seine Mutter kümmern. Es ist etwas unklar, was uns jetzt in Maranhao bei den Kaapor erwartet. Wir fahren mit Paulinhos Polo aus Belem heraus über die neue Avenida de Liberador, die extra für die COP30 gebaut wurde. Dabei wurde der letzte Regenwald nahe Belem geteilt und größtenteils zerstört. Auf dieser Strecke von rund 30 Kilometern wurden aber, quasi als Alibi, ein Dutzend "Tierbrücken" angelegt (siehe Foto), die, wenn überhaupt, vielleicht von Ameisen genutzt werden können. Es gab dann noch eine kleine Verwirrung, wir wollten nach Santa Teresa, wo die Kaapor ein kleines Haus gemietet habe. Wir waren dort auch schon mehrmals, hatten aber nicht mehr in Erinnerung, dass der Ort offiziell in Presidente Medici (ein rechter Politiker) umgtauft wurde. Wir kamen dann aber kurz vor Einbruch der Dunkelheit an, traffen Itahu an, den Caziken der Kaapor.Er wird uns die nächsten Tage begleiten. Wir übernachten in der Landwirtschaftsschule, die von der Bruderschaft La Salle betrieben wird und wurden aufs Freundlichste willkommen geheißen.
Belem, 15. April 2026
Wir sind gestern Nacht nach einer 20 stündigen Reise in Belem, der Stadt im Amazonasmündungsdelta angekommen. Wir werden in den nächsten Wochen die aktuellen Projekte von POEMA besuchen. Morgen früh wollen wir nach Maranhao aufbrechen um die Kaapor zu besuchen. Im Moment ist noch nicht sicher, ob das klappen wird. Wir warten noch auf die Rückmeldung von Jose, der den Besuch bei den Kaapor organisieren soll. Seine über 90-jährige Mutter hatte heute einen Unfall, und er muss sich um sie kümmern. Jetzt hoffen wir, dass wir trotzdem morgen aufbrechen können.
Auf dem Bild sitzt Brunhild in ihrem Lieblingscafe, gleich um die Ecke unserer Unterkunft in der Nähe der Praça da República.