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Armut und Umwelt in Amazonien

Reisebericht 2019

Von Johann Graf

19. Januar, Aramira

Ich bin doch noch eine Nacht hier in Aramira. Gerade haben wir mit einem gemeinsamen Abschlussgespräch den Kurs beendet. Die AIS haben noch einmal betont, wie wichtig für sie die Unterstützung durch POEMA ist. Es gibt sonst niemand, der ihre Ausbildung finanzieren würde. Konkret wünschen sie Unterstützung, damit sie den Abschluss als Tecnico de infermagem erreichen können. Die AIS-Veterano stehen quasi kurz vor dem Erreichen des Tecinco. Das Problem dabei ist, dass sie gleichzeitig einen mittleren (allgemeinen) Bildungsabschluss nachweisen müssen. Juliana ist überzeugt, dass die Mehrheit der Veteranos das schaffen wird. Weiter wünschen sie sich Praxisbegleitung durch einen Arzt oder eine Ärztin. Das ist wichtiges Praxistraining vor Ort in ihren Dörfern. Das befähigt sie dann auch alleine mit den medizinischen Problemen zurecht zu kommen.

Neu auf der Wunschliste ist Unterstützung für ein Projekt zur Erfassung traditioneller Medizin. Es gibt hier viele Mittel aus dem Wald und sie wollen eine Art Register erstellen, welche Pflanzen wie, für welche Erkrankungen eingesetzt werden können. Die Nutzung traditioneller Medizin ist immer wieder Thema in der Ausbildung gewesen. Das das jetzt systematisiert werden soll, ist eine gute Idee. Außerdem gibt es den Wunsch, dass mehr Frauen an der AIS-Ausbildung teilnehmen, im Moment sind es nur fünf. Eine Idee ist einen Kurs für Frauen zum Thema Frauen- und Kinderheilkunde vielleicht noch in diesem Jahr anzubieten. Und zuletzt wurde wieder nach den kleinen Solarlampen gefragt, die für den EInsatz hier im Regenwald einfach ideal sind. Es haben nicht alle AIS welche erhalten und einige sind auch kaputt gegangen.

19. Januar, Aramira

Gestern Mittag kam dann der Senador Randolfo. Er besuchte erst das Dorf direkt neben dem Ausbildungszentrum und kam dann mit dem ganz Troß ins Zentrum, als es gerad wieder zu regnen begann. Dann wurden von den Wajapi in verschiedenen Vorträgen ihre Situation und ihre Forderungen erläutert. Zuerst befürchtete ich, dass das für den Senador eine Routineveranstaltung ist. Er ist aber in seinem Beitrag auf viele der Punkte der Wajapi eingegangen. Die politische Situation beschrieb er als sehr bedrohlich, nicht nur für die Indigenen. Dann nahm er Bezug auf die Parole "no pasaran". "No pasaran" für Bolsonaro und seine Vorstellungen zur Ausbeutung Amazoniens, "no pasaran" zum Abbau von Menschenrechten. Randolfo hält die bisherigen Maßnahmen zur Einschränkung indigener Rechte für einen Verstoß gegen die Verfassung und bestehende Gesetze. Er werde im Parlament für die Rechte der Indigenen kämpfen und dafür, dass der Amazonensische Regenwald nicht weiter zerstört wird.

Natürlich fand das alles die Zustimmung der Wajapi. Senador Randolfo ist einer der wenigen Politiker, der sich um Indigene Angelegenheiten kümmert. er gehört zur Partei von Maina da Silva, der ehemaligen Umweltministerin in der Regierung Lula. Auf seinem T-Shirt hatte er einen Spruch von Berthold Brecht im Sinne von "es gibt nichts, was nicht verändert werden könnte". Auch in der aktuell sehr schwierigen Situation darf die Hoffnung nicht verloren gehen. Wir hoffen hier erst mal ganz trivial, dass die Wasserpumpe heute repariert werden kann und die hygienischen Bedingungen sich wieder etwas normalisieren. Heute ist hier Aufbruchstimmung, der letzte Tag des AIS-Kurses. Die AIS schwitzen gerade über einer Prüfung zum Stoff dieser Woche. Danach gibt es noch ein Abschlussgespräch, indem wir über die weitere Zusammenarbeit und Unterstützung durch POEMA sprechen werden. Ich werde heute mit Asurui in sein Dorf aufbrechen und verabschiede mich erst Mal für eine Woche von der elektronischen Welt.

18. Januar, Aramira

Die Gruppe, die die Versammlung vorbereitet hat einen Text formuliert, der die Position der Wajapi erklärt und der dem Senador übergeben werden soll. Darin erklären sie, dass die Wajapi anderst leben, wie die Nichtindigenen. Sie leben in kleinen Gemeinschaften, nicht immer nur an einem Ort. Sie gehen auf die Jagd und pflanzen auf ihren Feldern Lebensmittel für ihren Bedarf. Die Ortswechsel dienen der Natur, damit sie sich wieder erholen kann. So leben sie vom Wald ohne ihn zu zerstören. Sie verlangen, dass die Nichtindigen ihre Lebensweise akzeptieren und tolerieren. Sie wollen in allen Angelegenheit, die ihr Territorium betreffen angehört werden und verlangen, dass ihre Stellungnahmen berücksichtigt werden. Sie stellen klar, wer in ihrem Namen sprechen kann, ihre Organisationen APINA und AWATAC, die die Wajapi repräsentieren.

Bei den Wajapi gibt es keine Führer, die für die anderen bestimmen. Jeder hat das Rcht seine Meinung zu sagen. In dem Schreiben äußern sie ihre große Sorge über die Einschränkungen der indigenen Rechte durch die neue Regierung. Konkret fordern sie die Rücknahme der Beschneidungen bei der FUNAI (Indigenenschutzbehörde), die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung und der indigenen Bildung, das Verbot von Minenarbeiten und den Bau von Kraftwerken auf indigenen Gebieten oder in deren unmittelbaren Nähe, sowie die Verhinderung weiterer Entwaldung in der Amazonasregion zugunsten von Soja und anderen agroindustriellen Anpflanzungen. Sie weisen darauf hin, dass sie über andere Kenntnisse Erfahrungen verfügen, als die Nichtindigenen und wollen, dass diese anerkannt werden.

Gestern ist auch Dominique, die Gründerin unserer Partnerorganisation IEPE, einer Gruppe von Antropologen an der Universtät von Sao Paulo, angekommen. Sie ist trotz ihres Alters immer noch sehr aktiv, kennt hier jeden und jede, wird von allen herzlichst begrüßtund spricht natürlich fließend Wajapi. Sie erregt sich gleich heftig, als sie von den AIS erfährt, dass es gerade viele Malariafälle gibt, aber keine Malariatests zur Verfügung stehen. Ursache hierfür sind die überforderten Funktionäre der SESEI, die für die indigene Gesundheit verantwortlich sind. Nebenbei ist jetzt noch die Wasserpumpe defekt, so dass erst Mal für alles das Wasser vom Fluss hergetragen werden muss. Aber das ist für die Wajapi Alltag und kein größeres Problem.

17. Januar, Aramira

Gestern abend und heute morgen sind noch mal viele Menschen hier abgekommen um an der Versammlung morgen teilzunehmen. Die meisten Dörfer der Wajapi haben Vertreter geschickt. Etliche kenn ich von früheren Besuchen. Kumare, einer der älteren Kaziken aus Payrakay ist da, Aleman aus Yvyrareta, die Directoria von AWATAC, die ich schon in Macapa getroffen habe. Im Zentrum wird die Versammlung vorbereitet. Deshalb findet der Unterricht der AIS in der alten Schule statt. Gestern hat Eduardo, er forscht hier seit einigen Jahren über Leishmenose, seine Ergebnisse vorgestellt. Interessant war unter anderem, dass die Fälle von Leishmenose in gleichem Maße zunahmen, wie die illegale Invasion von Goldsuchern anstieg. Leishmenose macht üble Hautdefekte, die von unbehandelt nicht verheilen. Neben Malaria und Grippe ist das eine der häufigsten Erkrankungen, die die AIS behandeln müssen. Die Behandlung muss über 20 Tage kontinuierlich erfolgen. Entsprechend schwierig ist es, wenn nicht genügend Medikamente vorhanden sind.

Es ist immer wieder Thema, dass ohne die AIS die medizinische Versorgung der Wajapi nicht annähernd sicher gestellt wäre. Nichtindigenes Personal arbeitet nicht im Regenwald,sondern nur hier am Gesundheitsposten an der Straße. Viele Dörfer sind aber weit entfernt und nur in tagelange Fußmärsche erreichbar. Die Mehrheit der AIS hat jetzt eine Vertrag mit der für die Indigenen zuständigen Gesundheitsbehörde SESAI. Das bedeutet sie erhalten einen Mindestlohn, umgerechnet etwas mehr als 100 Euro, immerhin. Allerdings steht das ganze System der indigenen Gesundheitsversorgung durch die neue Regierung zur Disposition. Niemand kann sagen, wie es weitergehen wird. Bolsonaro hat angekündigt, dass es für die Indigenen keine "Sonderbehandlung" mehr geben soll. In Verbindung mit der Ankündigung, Amazonien endlich zur kommerziellen Ausbeutung freizugeben, lässt das nur die weitere Zerstörung Amazoniens und der indigenen Kulturen und deren Lebensraum befürchten. Noch nimmt der Alltag hier seinen üblichen Gang, aber es liegt etwas Ungutes in der Luft.

15. Januar, Aramira

Neben dem Kurs für die Ais findet in zwei Klassen auch Unterricht für die Kinder hier statt. Das Besondere hier ist, dass der Unterricht von Wajapi-Lehrern gehalten wird, und dass er in der Sprache der Wajapi stattfindet. Lesen, schreiben, rechnen, aber auch portugiesisch steht auf dem Stundenplan. Mein Eindruck ist, dass die Lehrer es hier einfacher haben, als bei uns. Die Möglichkeit etwas zu lernen wird noch wirklich geschätzt und es gibt weniger Ablenkung durch Medien etc.

Die AIS beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Malaria. Es wird eine Lankarte mit den nachgewiesenen Erkrankungen erstellt, sowie ein Ranking in welchem Dorf die meiste Fälle aufgetreten sind. Dabei fällt auf, dass hier an der Straße und in Aramira, wo eine von Weißen betriebener Gesundheitsposten ist, die meisten Malariafälle auftreten. Eine Erklärung könnte die wenig engagierte Arbeit der nichtindigenen Beschäftigten des Gesundheitspostens sein. Zumindest wird das immer wieder von den AIS beklagt. Es gibt da immer wieder eine ungute Konkurenz zwischen den sogenannten Tecnicos de Enfermagem (nichtindiges Pflegepersonal) und den AIS. Die beiden Ärztinnen, Mariana und Simone, die die AIS unterrichten, bestätigen, dass das Wissen der Tecincos oft geringer ist, als das der AIS. Aber sie stehen in der Hierarchie über ihnen und lassen sie das immer wieder spüren. Eigentlich beginnt der Unterricht morgens um 8 Uhr. Es dauert aber immer etwas länger, weil morgens über Funk mit den Dörfern kommuniziert wird. Heute morgen wurden wieder drei neue Malariafälle gemeldet.

13. Januar, Aramira

Pünktlich um 9 Uhr wurde ich von Milton, meinem Motorista, abgeholt. Es gab noch eine kleine Aufregung, weil meine Scheckkarte nicht bezahlen wollte, aber das konnte gelöst werden. Wir hatten Glück, weil es nur einmal kurz und heftig regnete und durch den Sonntag der Verkehr sich sehr in grenzen hielt. So waren wir schon nach fünf Stunden im Reserva Wajapi. Gerade fing der Nachmittagsunterricht an. Einige der AIS (Agente Indigena de Saude) fehlen noch, weil die Anreise immer schwierig ist und wieder mal Bootsmotoren kaputt sind. Einige werde erst morgen eintreffen. Von Patena, er war schon zu Besuch in Deutschland, und vielen anderen werde ich herzlich begrüßt.

Im Unterricht geht es erst mal um Wiederholung zum Thema Malaria. Leider sehr wichtig und aktuell. Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Malariafälle mit über 400 extrem zugenommen, bei einer Population von etwas mehr als 1200. Diese Zunahme läßt sich nicht wirklich erklären. Es wären aber auf jeden Fall aktuell besondere Maßnahmen erforderlich um das Problem einzudämmen. Damit seht es gegenwärtig aber schlecht aus. Im Moment ist unklar, wer zukünftig in Brasilia für die Indigene Gesundheit zuständig sein wird. Alle warten ab, es fließt kein Geld und das wirkt sich vor Ort verherrend aus.


Es zeigt sich, dass sich die AIS mit dem Thema Malaria gut auskennen. Sie antworten zwar zögerlich, aber das ist eher ihrer zurückhaltenden Art geschuldet. Von den anwesenden AIS waren bis auf einen alle schon an Malaria erkrankt. Das bestätigt sich dann auch beim praktischen Test, der übungshalber bei ihm durchgeführt wird. Bevor es dunkel wird installiere ich noch meine Hängematte und hoffe, dass ich heute nacht vom Regen unbehelligt bleibe.

12. Januar, Macapa

Gestern Morgen gab es erst mal einen kräftigen regenguss, so dass ich das Hotel erst gar nicht verlassen konnte. Etwas später ging es dann doch und ich erreichte über teilweise überschwemmte Strassen das Büro unserer Partnerorganisation IEPE. Praktischerweise haben die Wajapi jetzt das Büro für ihre Organisation AWATAC genau gegenüber. Dort traf ich dann die Vorstände, lauter junge Männer, von AWATAC bei einer Sitzung. Sie waren dabei eine Versammlung vorzubereiten, auf der die Kaziken verschiedener Dörfer und indigener Völker über Widerstandsmaßnahmen gegen die neue Regierung beraten wollen. Das ist eh mein erster Eingruck, dass die Indigenen klar und eindeutig Position gegen Bolsonaro und seine Maßnahmen beziehen und sich organisieren. Bei den bisherigen Gesprächen mit "weißen" Brasilianern hatte ich eher das Gefühl, alle sind noch in einer Schockstarre. Es gibt viel Angst. Wenn über politische Themen gesprochen wird, wird geflüstert, und die Leute schauen sich um, wer in der Nähe ist und mithören könnte.


Nachts hat es auch wieder heftig geregnet. Ich musste heute morgen ins Zentrum um Hängematte und Moskitonetz zu besorgen. Auf der Hauptgeschäftsstrasse brüllte ein Evangelikaler unterstützt durch Mikrofon und Lautsprecher erst Bibeltext, dann irgend eine Predigt in den morgentlichen Verkehr. Zugehört hat eigentlich keiner, aber er war nicht zu bremsen. Morgen werde ich um 9 Uhr abgeholt und dann gehts ins Reserva Indigena. Ich bin etwas in Sorge wegen des Regens. Die ersten hundert Kilometer der Straße in Richtung Französisch Guayana sind noch geteert. Dann gibt es nur noch Piste, und das wird bei dem Regen dann schwierig. Aber Juliana von der IEPE hat mir versichert, dass ich von einem sehr erfahrenen Motorista gefahren werde. Möglicherweise kann ich mich dann die nächsten zwei Wochen nicht melden. Im Reservat gibt es zwar mittlerweile Internet, aber das funktioniert vor allem in der Regenzeit eher nicht. Also, bis dann!

11. Januar, Macapa

Es ist ein eigenartiges Gefühl hier in Brasilien anzukommen und zu wissen, dass gleichzeitig die Amtszeit des neu gewählten Präsidenten begonnen hat. Bereits in den ersten Tagen hat dieser Trump Brasiliens alle Befürchtungen, die mit seiner Person verbunden sind, bestätigt: Reduzierung des Mindestlohns, Entlassung vermeintlicher Linker aus den Ministerien, Überwachung von NGOs, Streichung der Mittel für den Kampf gegen Trans- und Homophobie, Angebot eines Militär-Stützpunkts an die USA, die Ausweisung und die Verwaltung indigener Territorien durch das von rechten Agrar-Lobbyisten beeinflusste Landwirtschaftsministerium, die bisherige Leiterin der Umweltbehörde IBAMA wurde mit falschen Korruptionsvorwürfen zum Rücktritt gedrängt, usw.
Von all diesen Veränderungen ist auf den ersten Blick bei der Ankunft nichts zu bemerken. Es ist laut und geschäftig wie immer, beim Zoll und bei der Visumserteilung gibt es keine Probleme. Ich komme mitten in der Nacht an. Der Taxifahrer hat kein Wechselgeld, also kurz zur nächsten Tankstelle, wo das Problem geregelt wird. Ja die Regenzeit hat begonnen, erklärt er und die letzten Tage hat es richtig viel geregnet. Das wird die Fahrt ins Reservat der Wajapi spannend machen. Nur knapp die Hälfte der Strecke ist asphaltiert. Danach staubige Piste, die durch den Regen zur Schlammrutsche wird.


Voraussichtlich werde ich am Sonntag ins Reservat aufbrechen. Dort findet ein Ausbildungskurs für die AIS (Agente Indigena de Saude) statt. Ich freue mich schon alle wiederzusehen, unter Anderem Patena und Asurui, die ja auch schon bei uns in Deutschland waren.